Das sind die häufigsten Mythen und Irrtümer in der Verpackungswelt

Natürlich gibt es nicht die eine pauschale, nachhaltige Verpackungslösung für alle Produkte. Deshalb ist eine ganzheitliche Betrachtung auch so wichtig! Mission accepted - wir sammeln die gängigsten Verpackungs-Mythen und beleuchten sie von verschiedenen Gesichtspunkten.

5 Minuten Lesezeit

Mythos 1: Kunststoff ist per se schlecht

Kein Material ist per se gut oder schlecht. Eine Bewertung sollte immer unter Betrachtung verschiedener Gesichtspunkte erfolgen. Kunststoff hat beispielsweise in puncto Schutzeigenschaften, Sicherheit & Hygiene, Gewicht, Kosten, Transport- und Lagerfähigkeit sowie CO2-Emissionen im gesamten Lebenszyklus die Nase oft vorn. Entscheidend für die Frage nach der Nachhaltigkeit ist vor allem die Materialzusammensetzung von Kunststoff (Mono-Materialien vs. Verbundmaterialien), da sie die Möglichkeiten zur Wiederverwertung der Rohstoffe bestimmt.

Mythos 2: Glas ist immer nachhaltiger als Kunststoff

Eine Studie von Arno Melchior aus 2020 zeigt, dass diese Annahme ein Irrtum ist. Wenn 4.169 Tonnen Kunststoff aus Polyethylenterephthalat (PET) beispielsweise durch Gläser ersetzt werden würden, müssten dafür 32.345 Tonnen Glas eingesetzt werden. Das entspricht einer höheren Umweltbelastung von 11.714 Tonnen CO2. Kannst du dir nur schwer bildlich vorstellen? Mit Glas müsste man 2421 LKW vollladen - mit Kunststoff (PET) nur 1280 LKW. Ein gewaltiger Unterschied, oder?

Mythos 3: Papier ist umweltfreundlicher als Kunststoff

Auch diese Annahme lässt sich nicht so pauschal bestätigen. Abhängig ist das neben vielen anderen Faktoren von der Dicke des Papiers (ressourcenschonende vs. ressourcenstarke Herstellung), der Herkunft der Materialien (z.B. Deutschland vs. China) und der Recyclingfähigkeit. Reine Papierverpackungen, die recycelbar und nicht schwerer als ihr Pendant aus Plastik sind, können unter Umweltaspekten vorteilhafter sein. Eine beschichtete Faltschachtel (z.B. Papier + Aluminiumbeschichtung) wiederum, hat zum Beispiel eine wesentlich schlechtere Ökobilanz als ein recycelbarer Plastikbeutel.

Mythos 4: Unverpackt ist immer die beste Lösung

Bei diesem Mythos darf man nicht nur an den Moment denken, in dem Lebensmittel und andere Produkte ohne Verpackung noch frisch und verlockend im Warenregal liegen. Denn wie lange bleibt Fleisch ohne eine luftdichte und schützende Verpackung haltbar? Ein schnelles Verderben von Produkten führt beispielsweise zu einer Lebensmittelverschwendung und  das wiederum dazu, dass die Lebensmittelproduktion weiter angeheizt wird. Ergebnis: Auch dann wird das Klima natürlich stark belastet.

Eine Studie von ecoplus, BOKU, denkstatt und OFI von 2020 zeigt, dass durchschnittlich lediglich 3,0 – 3,5 % der Klimawirkung verpackter Lebensmittel auf die Verpackung zurückzuführen sind. Wenn durch Verpackungen im Schnitt mehr als 3,5 % Lebensmittelabfälle vermieden werden, "lohnt" sich der Verpackungseinsatz klimatechnisch. Ergo: Nur wenn die Mindesthaltbarkeit, Sicherheit und Hygiene von Lebensmitteln auch ohne Verpackung gewährleistet ist, ergibt unverpackt auch Sinn.

Mythos 5: Zwischen biologisch abbaubaren und bio-basierten Kunststoffen gibt es keinen Unterschied

Du hast bestimmt schon häufig von sogenannten "Biokunststoffen" gehört, oder? Dabei werden häufig sowohl bio-basierte als auch biologisch abbaubare Kunststoffe einheitlich als "Biokunststoffe" bezeichnet, was den Begriff sehr schwammig macht. Zur Unterscheidung hilft vor allem die Frage nach a) der Herstellung und b) dem Recycling des jeweiligen Kunststoffes. 

a) Es gibt bio-basierte Kunststoffe, die sich dadurch auszeichnen, dass sie teilweise oder komplett aus nachwachsenden natürlichen Rohstoffen wie Zuckerrohr oder Mais bestehen. Konventionelle Kunststoffe werden dagegen auf Basis von Erdöl hergestellt.

b) Die Bezeichnung biologisch abbaubar ist zutreffend, wenn sich die Materialien durch Mikroorganismen in ihre Bestandteile wie Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und weitere Mineralien auflösen können. Hier ist vor allem die Zeit, die für den Zersetzungsprozess gebraucht wird, entscheidend. Ob ein Kunststoff biologisch abbaubar ist, hängt übrigens nicht von der Rohstoffbasis ab (fossile Rohstoffe vs. nachwachsende Rohstoffe), sondern von der chemischen Struktur des Stoffs. Kurz und knapp erklärt: Grundsätzlich können auch Kunststoffe aus fossilen Rohstoffen biologisch abbaubar sein. Und Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen können eine Struktur aufweisen, die eine biologische Abbaubarkeit wiederum ausschließt.

Mythos 6: Kompostierbarer Kunststoff kann in der Natur, der Biotonne oder auf dem Kompost entsorgt werden

In Mythos 5 haben wir ja bereits das Prinzip der biologischen Abbaubarkeit erklärt. Der Begriff Kompostierbarkeit bezieht sich meist auf den gleichen Prozess unter (zumindest im Fall von industrieller Kompostierbarkeit) künstlich herbeigeführten Umständen, die in der Natur normalerweise nicht vorkommen (z.B. eine Umgebungstemperatur von 65°C). Alle kompostierbaren Kunststoffe sind auch biologisch abbaubar, aber nicht alle biologisch abbaubaren Kunststoffe sind kompostierbar. Viele als „kompostierbar“ gekennzeichneten Biokunststoffe sind nicht für den Kompost im heimischen Garten ausgelegt, sondern für die industrielle Kompostierung.

Aus diesem Grund ist es so wichtig, zwischen industrieller Kompostierbarkeit (Zersetzung nach 4-5 Wochen bei 65°C oder nach 12 Wochen bei 45°C) und Heimkompostierbarkeit (Zersetzung nach 24 Wochen bei 28°C) zu unterscheiden.

Fazit: Wie bereits bei Mythos 5 festgehalten, basieren biologisch abbaubare Kunststoffe nicht zwangsweise auch auf bio-basierten Materialien. Je nach Zusammensetzung zersetzt sich Kunststoff sehr langsam in freier Natur. Deshalb gehört Kunststoffabfall, der als industriell kompostierbar gekennzeichnet ist, auf keinen Fall in die Natur oder auf den Kompostgarten.

Die meisten Verpackungen sind industriell kompostierbar und zersetzen sich deshalb um einiges langsamer als Biomüll. Die Folge: Kleine Teilchen des Kunststoffs bleiben zurück, sodass der restliche Kompost verunreinigt wird. Übrigens: Kompostierbare Verpackungen gehören auch nicht in den gelben Sack, da es bisher keinen Recyclingstrom für kompostierbaren Kunststoff gibt - somit wird er aussortiert und mit anderem Restmüll verbrannt.

Mythos 7: Papierverpackungen werden immer recycelt

Laut Angaben der deutschen Papierindustrie lag die Altpapiereinsatzquote 2020 bei 79 Prozent. Ein Recycling von Papier ist natürlich sehr vorteilhaft, da die Herstellung von Altpapier laut Bundesumweltamt drei- bis viermal weniger Energie und zwei bis sechsmal weniger Wasser benötigt als die Papierherstellung aus Holz.

Aber auch Papier ist kein Recyclinggarant: Altpapier eignet sich zwar für Kartonagen, nicht aber für Papier, das mit Lebensmittel in Kontakt kommt. Der Grund dafür ist, dass schädliches Mineralöl der Druckfarben sonst in Lebensmittel übertreten könnte.

Außerdem bietet reines Papier für einige Produkte keine ausreichend guten Schutzeigenschaften. Deshalb bestehen Lebensmittelverpackungen sehr oft aus Verbundmaterialien, was ein Recycling schwer macht.

Mythos 8: Verpackungen nehmen einen größeren Anteil am gesamten Co2-Fußabdruck ein als die Lebensmittel selbst

Die Annahme, dass Verpackungen meist einen höheren Co2-Fußabdruck haben als die Lebensmittel selbst, täuscht. In einer Studie von ecoplus, BOKU, denkstatt und OFI von 2020 werden konkrete Beispiele für Anteile der Verpackung am Klimafußabdruck von verpackten Lebensmitteln gegeben: Butter: 0,4%, Kaffee: 1,6%, Gemüse: 10%. Der Durchschnitt liegt bei 3-3,5%.

Du hast weitere Fragen zu der Nachhaltigkeit von Verpackungen?

Quellen und weiterführende Studien

Melchior, Arno (2020): Mythen und Möglichkeiten von Plastikverpackungen. Lebensmittelzeitung Ausgabe 22.
URL: https://www.reckitt.com/media/6760/leb-29-05-2020-036-mythen_und_moeglichkeiten_-2123978456-seite-1.pdf

Ecoplus, BOKU, denkstatt, OFI (2020): Lebensmittel – Verpackungen – Nachhaltigkeit: Ein Leitfaden für Verpackungshersteller, Lebensmittelverarbeiter, Handel, Politik & NGOs. Entstanden aus den Ergebnissen des Forschungsprojekts „STOP waste – SAVE food“. URL: https://www.packform.de/fileadmin/packform/download/Leitfaden_StopWasteSaveFood.pdf

Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (2021): Comparative Life Cycle Assessment of different pouches and alternative packaging systems for food (Pasta Sauce and Olives) on the European market.
URL: https://www.flexpack-europe.org/files/FPE/sustainability/2021/ifeu-study-2021-LCA-Pouches-Executive-summary-report.pdf